Nagelsmann’s Last Dance

Der erste Beitrag befasst sich mit Nagelmanns finalen Spiel bei den Bayern und gibt eine etwas andere Perspektive.

Die Niederlage in Leverkusen offenbart in ganzer Fülle die Probleme des FC Bayerns. Besonders in der Rückrunde hat Bayern viele Ballverluste im Spielaufbau und kassiert daraus resultierend sehr schnell Gegentore, jeder Verein kann geben die Bayern aktuell treffen. Obendrein haben sie wenige Ballgewinne und schaffen es nicht diese in Tore zu münzen. 

Formation, Bayern mit dem Ball.

Die Bayern spielen im Spielaufbau mit 3er Kette und den hoch positionierten AVs Davies & Canelo. Vor der 3er Kette agiert Kimmich als Bindungsspieler. Im Sturm spielen Müller und Mané, auf der 8 stehen Goretzka & Sane, ebenfalls sehr hoch, teilweise auf einer Linie mit der Verteidigung der Leverkusener. 

Bayern im Spielaufbau

Alonso spielt gegen den Ball mit einem 5-2-3 mit der Besonderheit, dass Andrich sich als 6er/Libero zwischen die Verteidigung fallen lässt. 

Leverkusen hingegen spielt mit dem Ball ein 4-3-3 in dem Andrich als Libero sich vor und zurückfallen lässt. Bayern verteidigt in einem klassischen 5-3-2 mit Mané und Müller als Stürmer und Kimmich auf der 6 flankiert von Goretzka und Sané auf der 8.

Spielverlauf

Bayern hat bereits im ersten Drittel massive Probleme im Spielaufbau, da die Leverkusener Bayern’s Taktik spiegeln und ihren Gegner früh ins 1 gegen 1 zwingen. Diaby, Wirtz und Adli pressen die 3 IVs und stellen zugleich Passwege zu Kimmich und ins Zentrum zu. Kimmich bekommt den Ball wenn, in der Rückwärtsbewegung, und kann so das Spiel nicht eröffnen. Es bleibt die Eröffnung über die Außen. Diese stehen jedoch hoch, der Passweg ist lang und Davies/ Cancelo werden so bei der Ballannahme gepresst. Kimmich kann diese als einziger 6er nicht unterstützen. Die 8ter & Stürmer stehen meist nicht kompakt genug. Es folgt ein Rückpass, Dribbling oder Risikopass. Letztere führen meist zu Ballverlusten. Die Leverkusener pressen die Bayern zu Teilen bis in den eigenen Strafraum, was notgedrungen zum langen Ball führt. Diese landen zu 90% beim Gegner. Bayern verzeichnet allein in HZ 1 20zig Ballverluste über die Außen oder lange Bälle.

Bayern gewinnt Spielanteile wenn sich Sané, seltener Goretzka oder Müller zurückfallen lassen und Überzahl in der zweiten Reihe schaffen. So passiert auch das Tor. Sané eröffnet das Spiel aus der Verteidigung. Müller lässt sich auf die rechte Verteidiger Position zurückfallen, zieht die Leverkusener Ordnung auseinander. Eine der wenigen Szenen in denen die Bayern mit Überzahl im ersten Drittel und Zug zum Tor einen Angriff einleiten. Insbesondere wenn sich Sané zurückfallen lässt, bekommt das Aufbauspiel der Bayern diese Dynamik. Das Problem ist, es ist situativ, eine Ausnahme und nicht die Regel.  

Leverkusen im Spielaufbau

Leverkusen hingegen hat im Spielaufbau Überzahl in den entscheidenden Räumen. Da Andrich sich zurückfallen lässt spielen sie in Aufbau drei gegen zwei. Das Pressing von Mané und Müller ist wirkungslos. Zudem ist die zweite Reihe zentral mit zwei Spielerin besetzt, was diagonale Passwege ermöglicht. Situativ gehen Sané oder Goretzka mit ins hohe Pressing, eröffnen dabei aber den Raum im Halbfeld in den die Leverkusener dann gerne spielen. Auch auf den Außen haben die Leverkusener Überzahl, Ihr AV und AS spielen gegen den AV der Münchener. Leverkusen hat in HZ1 folglich mehr Spielanteile und kommen immer wieder ins schnell Umschaltspiel. Sie schaffen es jedoch nicht die Überlegenheit und die Ballgewinne in ein Tor zu münzen. 

Zweite Halbzeit
Trotz der schwachen ersten Halbzeit wechselt Nagelsmann zur Halbzeit positionstreu. (Gnabry > Mané, Coman > Cancelo, Musiala > Müller) Situativ rückt Pavard offensiv zum RAV und Coman geht ins hohe Pressing, es anstehen wenige 4-3-3 Momente. Diese Enden nach Pavards Foul zum Elfmeter und seiner Auswechselung, eigentlich hätte er Geld-Rot sehen müssen. Bayern bekommt trotz Führung im ersten Drittel des Spielaufbaus weiterhin keine Kompaktheit und Überzahl zu Stande und lässt sich auf einen offenen Schlagabtausch an. Das Spiel bleibt hektisch, Ballverluste führen immer wieder zu Unsicherheiten und letztendlich auch zum zweiten Elfmeter.

Erkenntnis. Alonso’s Matchplan geht perfekt auf, Nagelmann’s nicht. Er hätte reagieren können, hat aber anscheinend die Probleme nicht systemischen-, sondern personellen Ursprungs gesehen. Letztendlich wechselt Nagelsmann auf Weltklasse Niveau mit Musiala, Gnarby und Coman ein und verliert doch. Mit einem 4-3-3 hätte man mit den 3 Offensiven und der 10 im Gegenpressing Leverkuseners erste Linie stören können und Leverkusen die Überzahl auf dem Flügel genommen. Stattdessen spielen 5 Verteidiger und Kimmich gegen 3 Leverkusener im letzten Drittel und Bayern verliert die Spielanteile in den ersten 2 Dritteln des Leverkusener Aufbaus. Mit dem Ball wäre es ein leichtes gewesen Goretzka auf die Doppelsechs zu ziehen und diagonale Passwege zu ermöglichen und zugleich die Außenverteidiger tiefer stehen zu lassen um Überzahl im ersten Drittel des Spielaufbaus zu bekommen. Selbst in einem kompakter Im 2–3 Aufbau hätte man wahrscheinlich die erste Leverkusener Pressingreihe in Überzahl umspielen können. 

Beispiel für ein 4-3-3 im Aufbau

Beispiel für ein 4-3-3 gegen den Ball

Spieler laufen nicht ihrer Form sondern ihrer Position hinterher.

Das Problem liegt aber tiefgreifender. Bayern hat Spieler auf Weltklasse Niveau, setzt sie aber nicht auf ihren besten Positionen ein. Im 3-5-2 gibt es keinen klassischen Flügelstürmer auf dem Feld und keinen klassisch hinterlaufenden AV. Bayern hat aber mit Sané, Coman, Gnabry & Mané 4 Spieler, die diese Position auf Weltklasse Niveau spielen können, gleiches betrifft die Davies, Pavard und Cancelo. Sanè spielt als 8ter im Spielaufbau, Müller & Mané als komplette Stürmer, Goretzka auf einer hohen 8, die im Strafraum ist und nicht in diesen hineinläuft und Kimmich als alleiniger 6er. Seine stärken liegen eigentlich im Tandem, dieses spielt in der Saison aber sehr selten. Der agile passstarke 6er wie Thiago ist er nicht, der Brecher ist er auch nicht. Er braucht die Doppel 6. Coman spielt den Außenspieler, aber nicht Außenstürmer, Musiala auf der 8, statt 10 und Gnarby als Stürmer. Außenstürmer brauchen eben einen Zielspieler den Bayern nicht hat, Müller braucht diesen um sich in seinem Schatten zu bewegen, Musiala um mehr Raum an der Box zu haben. Dieses entscheidene Puzzle zwingt den Trainer zu experimentieren. Weltklasse Spieler die konstant nicht auf ihrer idealen Position spielen, laufen nicht ihrer Form sondern ihrer Position hinterher. Es fehlt an Automatismen, Instinkt und Selbstvertrauen. Man sieht ihnen an, wie sehr sie wollen, aber zugleich dass es ihnen nicht so richtig gelingt.

Ob die Entscheidung richtig war Nagelsmann zu feuern, kann man in Frage stellen. Ob die Entscheidung richtig gewesen ist, ohne Stürmer in die Saison zu gehen, muss man klar verneinen. Nagelsmann ist eher Opfer der Kaderplanung, statt seiner Fähigkeiten. Im nächsten Beitrag schauen wir uns Tuchel’s Ansatz an.

Eine Antwort zu „Nagelsmann’s Last Dance”.

  1. […] was ihnen Selbstvertrauen gibt. Das war in der Vergangenheit oft nicht der Fall (siehe: Nagelsmanns Last Dance) und kann ein Grund für das Formtief sein, was sie hoffentlich überwunden […]

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  1. Warum S04 wirklich ein Müllerspiel war. Warum Musiala immer spielt. – Feldsalat

    […] was ihnen Selbstvertrauen gibt. Das war in der Vergangenheit oft nicht der Fall (siehe: Nagelsmanns Last Dance) und kann ein Grund für das Formtief sein, was sie hoffentlich überwunden […]

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